Fiktionales Schreiben vs. nicht-fiktionales Schreiben

Kürzlich unterhielt ich mich mit einem Freund über das Schreiben. Ich erzählte ihm, dass ich ein neues Buchprojekt begonnen habe, diesmal eine fiktionale Geschichte, im Gegensatz zu meinem ersten Buch, das eine nicht-fiktionale Geschichte war. Er sagte: „Oh super, das wird bestimmt einfacher als dein erstes Buch.“

Die Aussage meines Freundes überraschte mich, doch er sollte nicht der letzte sein, der das sagte. Bei mehreren folgenden Gelegenheiten, bei denen ich mich mit Menschen austauschte, die eben erst begonnen haben zu schreiben, begegnete mir noch häufiger die Annahme, dass fiktionale Geschichten leichter zu schreiben seien als nicht-fiktionale Geschichten. Das inspirierte mich, nun einmal hier in meinem Blog darauf einzugehen.

Aus meiner Sicht gibt es kein „einfacher“ oder „leichter“. Jedes Buch benötigt umfassende Recherche und sorgfältige Arbeit, allerdings gibt es natürlich schon Unterschiede in der Herangehensweise. Hier ein paar Beispiele:

Wenn man aus seinem Leben berichtet, Erfahrungen wiedergibt und Menschen beschreibt, die man kennt, dann hat man das Wissen um Geschehnisse, Abläufe, Orte und Charaktere bereits im Kopf. Man muss diese nur noch ordnen, darlegen, beschreiben und in Verbindung bringen. Die Recherchearbeit hält sich in Grenzen.

Wenn man eine nicht-fiktionale Geschichte schreibt, in die man nicht direkt verwickelt war, kennt man zwar auch einige Geschehnisse, Abläufe, Orte und Charaktere, muss hier jedoch noch einiges an Recherchearbeit leisten, um allen Beteiligten und der Geschichte selbst gerecht zu werden. Die gesammelten Informationen müssen dann ebenfalls geordnet, beschrieben und in Verbindung gebracht werden.

Fiktionale Geschichten sind insofern einfacher, weil hier der Faktor Realitätsgetreue wegfällt. Man ist selbst der Meister der Geschehnisse. Aber ist das wirklich ein Vorteil im Hinblick auf Arbeitsaufwand? Ich glaube nicht. Während man bei nicht-fiktionalen Geschichten Details von Orten, Geschehnissen und Charakteren bereits kennt, ja vielleicht sogar über Jahre hinweg gesammelt hat, so fängt man bei fiktionalen Geschichten bei null an. Alles, was in der Geschichte vorkommt, kann zwar von realen Dingen inspiriert sein, dennoch muss man jeden Ort, jedes Geschehnis, die ganzen Zeitenlinie der Ereignisse und alle Charaktere vollständig selbst entwerfen. Bei den Charakteren z.B. reicht es nicht zu sagen „er ist ein lustiger Typ“. Warum ist er so? Wie reagiert er auf verschiedene Situationen? Warum reagiert er so wie er es tut? Das ist sehr viel Arbeit und darf nicht unterschätzt werden. Leser sind sehr intelligent und sind der Lesefluss, die Zusammenhänge, oder die Reaktionen und Eigenheiten der Charaktere nicht glaubhaft nachvollziehbar, verliert eine Geschichte sehr schnell an Reiz.

Es gibt gute Gründe dafür warum man in so mancher Reportage Autoren für die Sache sprechen sieht. Ein Schriftsteller, der ein Buch über eine bestimmte Thematik verfasst hat, hat Monate, wenn nicht sogar Jahre damit verbracht alle Aspekte zu recherchieren. Jedes geschriebene Buch ist nicht nur eine spannende Geschichte, nein, es ist das Ergebnis eines richtigen, kleinen Studiums.