Wie sich Kreise schließen

Wir alle kennen das Phänomen: Ein markantes Erlebnis, ein Moment, eine Aussage, ein Objekt oder ein Gefühl, das sich in der Erinnerung festsetzt und an das man im Laufe der Zeit immer wieder zurückdenkt . Es scheint auf gewisse Weise nicht abgeschlossen. Dann, Tage, Monate oder sogar Jahre später, begegnet einem genau dieses Merkmal in vollkommen anderem Kontext wieder und diese neue Begegnung gibt einem ein warmes Gefühl der Vollkommenheit, eine Art Abschluss. Ein Kreis hat sich geschlossen.

Ein solches Erlebnis hatte ich, als ich 2017 nach München zog. Zur Vorgeschichte:
In der Grundschule, also vor gefühlten 100 Jahren, bekamen wir von unserer Kunstlehrerin Frau Rückert zum ersten Mal die Aufgabe, ein Gemälde zu analysieren, und das erste Gemälde das wir ansahen, war „Das blaue Pferd“ von Franz Marc. Zunächst sollten wir uns einige Minuten lang eigene Gedanken zu dem Bild machen, anschließend besprachen wir unsere Ideen mit unserer Lehrerin und erörterten  ganz unvoreingenommen Fragen wie:
Wie ist das Bild aufgeteilt? Welche Farben wurden verwendet? Warum hat der Künstler wohl diese Farben gewählt? Warum ist das Pferd blau? Soll das Pferd vielleicht etwas anderes symbolisieren? Und so weiter. Ich weiß noch, der erste Gedanke, der mir in Bezug auf das Bild durch den Kopf geschossen war, war: Das ist nicht einfach ein Pferd, das ist ein Fohlen. Es gab einige Punkte, die dafürsprachen, unter anderem die Proportionen des Tieres selbst und das Größenverhältnis des Pferdes zu der Pflanze daneben.
Der zweite, wichtige Punkt für mich an diesem Tag war, zu lernen, dass Gemälde und Bilder im Allgemeinen, Metaphern für etwas vollkommen anderes sein konnten als das, was sie zeigten.
Wir diskutierten eine volle Unterrichtsstunde über Franz Marc’s Werk und nach diesem Tag sah ich Gemälde nie wieder mit denselben Augen. Frau Rückert war eine fantastische Lehrerin und in dieser Unterrichtsstunde hatte sie mir, und sicher auch einigen anderen Kindern, gezeigt, dass Gemälde nicht nur bunte Bilder in langweiligen Galerien sind, nein, sie haben die Macht die eigene Fantasie zu wecken. Gemälde erzählen Geschichten, bannen Emotionen, wecken Emotionen, sind Zeugnis für die Geschichte und mit ganz viel Fantasie kann man sie zum Leben erwecken.

Als Neunjährige begriff ich natürlich noch nicht den vollen Umfang der Lektionen, die in so einer Kunstbesprechung stecken, doch der neue Blickwinkel, den unsere Lehrerin vermittelte, kratzte an der Oberfläche von etwas, das mich immer wieder zum Grübeln bringen sollte. Im Laufe meiner Schulzeit dachte ich noch häufig an „Das blaue Pferd“ zurück. Wann immer wir in der Schule über Farben, Gemälde, Geschichte oder Metaphern im Allgemeinen sprachen, sah ich vor meinem inneren Auge wieder das kleine, blaue Pferd Franz Marc’s.
Erst mit dem Ende meiner Schulzeit verblasste meine Erinnerung jener Kunststunde. Mein Leben wurde turbulenter und schwieriger, und für lange Zeit hatte ich kein Auge mehr für die Kunst.

Es vergingen fast 20 Jahre, in denen ich nicht an „Das blaue Pferd“ dachte, doch dann führte mich mein Berufsleben nach München. Ich war in Franken aufgewachsen und nach München hatte es mich bis dahin nur verschlagen, wenn ich zum Flughafen gemusst hatte, und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich zu dieser Zeit, abgesehen von einigen geschichtlichen Hintergründen, nichts über die Stadt wusste. Im Januar 2017 bezogen ich und mein neuer Chef ein neues Büro in der Nähe des Hauptbahnhofes. Da ich in der ersten Zeit von Nürnberg nach München pendelte, nutzte ich die öffentlichen Verkehrsmittel in den ersten Monaten überhaupt nicht. Ich kam mit dem ICE an, lief ins Büro, wieder zurück zum Bahnhof und nach Hause. Für mehr blieb keine Zeit. Erst als ich im Sommer 2017 eine Wohnung in der Stadt fand und umzog, hatte ich wieder genug Freizeit, um München endlich anständig kennenzulernen.

In der Nähe meiner Wohnung gab es eine Straßenbahnhaltestelle und eine U-Bahn-Station. An meinem ersten Arbeitstag nach dem Umzug fuhr ich morgens mit der Straßenbahn in die Stadt, doch am Abend nahm ich schließlich zum ersten Mal die U-Bahn nach Hause. Das Büro lag praktischerweise nahe der Haltestelle Königsplatz. Ich werde diesen Tag niemals vergessen.
Ich lief die Stufen hinunter ins Zwischengeschoss, nahm die Rolltreppe nach unten und staunte nicht schlecht. Die großformatigen Kunstdrucke an den Wänden waren beeindruckend. Unglaublich, dass ich ein ganzes halbes Jahr gebraucht hatte, um mir die Station mal anzusehen. Langsam lief ich los und sah mir alles in Ruhe an. Nachdem ich etwa zwei Drittel des Gleises im Zickzack entlanggelaufen war, alle Bilder an den Wänden, sowie die Statuen auf dem Bahnsteig betrachtet hatte und mich gerade mal wieder umdrehte, blieb ich plötzlich wie vom Donner gerührt stehen. Vor mir, mit den riesigen Ausmaßen von etwa 2,0×3,5m, prunkte es vor mir an der Wand: „Das blaue Pferd“.
Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer und unwillkürlich durchfuhr mich eine Welle der Freude, gerade so, als hätte ich einen alten Bekannten wiedergetroffen. Ich setzte mich auf die Bank gegenüber dem Bild und betrachtete es.
Es war nicht vollständig koloriert, doch das störte mich nicht. Vor meinem geistigen Auge durchlebte ich eine wahre Zeitreise. Plötzlich saß ich wieder an meinem kleinen Tisch in der Grundschule und vor mir stand Frau Rückert, wie sie einen kleinen Kunstdruck des Gemäldes hochhielt. Doch der kleine, geistige Ausflug in die Vergangenheit war nicht alles. Dort, auf dieser Bank, in diesem Moment wurde mir plötzlich bewusst, was „Das blaue Pferd“ für mich persönlich bedeutete.
Meine Kindheit und Jugend waren nicht einfach gewesen. Die Zeit, in der wir in der Schule „Das blaue Pferd“ besprochen hatte, war eine Zeit des Umbruchs gewesen, eine schlimme Zeit. In all diesem Chaos hatte das Bild die Ruhe symbolisiert, die ich vermisste und die zurückhaltende Körpersprache des Pferdes spiegelte die Unsicherheit wieder, die ich damals empfunden hatte.
Jetzt, viele turbulente Jahre später, berührte das Gemälde mich noch immer und erinnerte mich daran, dass ich nun die Chance hatte, die verlorene Ruhe wieder in mein Leben zu bringen.

Ich saß ganze drei Züge lang auf dieser Bank und betrachtete Franz Marc’s wunderschönes Werk. Begeistert stellte ich fest, dass das Original tatsächlich dort im Lenbachhaus zu sehen war. Leider war es an diesem Abend schon zu spät, doch ich plante es mir baldmöglichst anzusehen. Der vierte Zug fuhr ein und ich stand auf. Lächelnd atmete ich tief durch. Ein Kreis hatte sich geschlossen.