Fünf Sekunden für Van Gogh

Es gibt ein paar Gemälde, die eine persönliche Bedeutung für mich haben und an denen für mich eine besondere Geschichte hängt. Eine dieser Geschichten habe ich ja bereits mit euch in meinem Beitrag „Wie sich Kreise schließen“ geteilt. „Das blaue Pferd“ von Franz Marc, das auf so individuelle Weise meine Gefühle als Kind wiederspiegelte, und das mir nach vielen Jahren in München wiederbegegnete, als ich eine wichtige Lebensphase abschloss.

Heute möchte ich mit euch eine weitere dieser Geschichten teilen, eine brandneue. Der Maler, dessen Werke mich bis heute am meisten berühren, ist Vincent Van Gogh.  Mein absolutes Lieblingsgemälde seit Teenagertagen ist die „Caféterrasse am Abend“ und es war ein langer Traum von mir mal einen echten Van Gogh live zu betrachten.

Obwohl es mich nicht in nördliche Gefilde zieht – die „Caféterrasse am Abend“ häng in Otterlo, Norwegen – so besuche ich doch regelmäßig Paris und als ich erfuhr, dass dort auch ein paar Van Goghs hängen, gab es für mich kein Halten mehr. Nein, sie hängen nicht im fantastischen Louvre (dort hängt nämlich kein einziger Van Gogh), sondern im Musée D’Orsay ein Stück weiter die Seine hinunter.
Gestern war der große Tag endlich da. Es hat sehr lang gedauert, bis es sich ergab, umso größer war meine Aufregung. Leicht schwindelig kämpfte ich mich in den fünften Stock des beeindruckenden Musée D‘Orsay. Für Menschen mit Höhenangst (das gilt auch für mich) ist der prächtige Bau teilweise eine große Herausforderung, da viel offene Geländer und Glas verbaut sind, doch so nah an der Erfüllung meines großen Wunsches, war mir alles recht. Als ich mit weichen Knien endlich im fünften Stock ankam und die Galerie des Post-Impressionismus betrat, klopfte mein Herz wild. Empfangen wird man hier von großen Gemälden von Odilon Redon, die ich zwar hübsch finde, die mich aber nicht besonders ansprechen. Als ich den ersten Raum hinter mir ließ, wartete aber eine Überraschung. In Raum zwei wartete eine Ausstellung von Paul Gauguin, den ich auch sehr mag und an einer Wand, in prachtvoller Größe von etwa 140×90 cm hing da „Das weiße Pferd“, das wir in der Grundschule kurz nach „Das blaue Pferd“ von Franz Marc besprochen hatten (siehe mein Post „Wie sich Kreise schließen“). Ich freute mich riesig und wieder schloss sich ein Kreis.

Vorbei an einigen weiteren Werken von Gauguin, wartete im dritten Raum dann endlich Vincent. Bereits aus mehreren Metern Entfernung sah man die Farben seiner Gemälde durch die Lücken der Menschenmassen blitzen und mir rutschte vor Aufregung das Herz in die Hose. Ich kann nicht erklären, was es ist, doch Van Gogh’s Gemälde berühren mich tief. Wie in Trance kämpfte ich mich durch den Besucherstrom. Zunächst schaffte ich es zu einigen seiner „kleineren“ Werke: Zwei Kinder, die Kirche von Auver und Dr. Paul Gachet’s Garten. Dann lichteten sich die Massen auf der gegenüberliegenden Wand und da war er, Vincent höchst selbst, in Form seines berühmten Selbstportraits. Es war atemberaubend. Glückselig stand ich davor und betrachtete jeden Pinselstrich. Das Hellblau, ja fast schon Türkis, das er hier verwendet hatte, war wunderschön.
Ich sah mir alle Gemälde in der Van Gogh-Galerie intensiv an und bewunderte jedes Detail. Die Art, wie er Augen malte, fasziniert mich. Das ist besonders schön bei seinem Gemälde des Doktors Paul Gachet zu sehen. Es gab einige Maler in dieser Zeit, die technisch mit vielen kleinen Strichen malten, viele hingen im Musée D’Orsay und ich sah sie mir genau an, doch nur Van Gogh’s individuelle Technik gibt mir das Gefühl, als seien seine Gemälde wahrlich lebendig. Auch „Sternennacht über der Rhône“ hängt im Musée D’Orsay und ist so wunderschön, dass mir fast die Tränen kamen. Andächtig schritt ich durch die Galerie – nicht nur ein Mal.
Bei meiner zweiten Runde durch den Van Gogh Abschnitt, beobachtete ich, wie die anderen Besucher auf seine Gemälde reagierten. Erschrocken stellte ich fest, dass sich weniger als die Hälfte der Leute wirklich Zeit nahmen, die Gemälde genau zu betrachten. Die meisten drängelten sich vor die Bilder, machten ein kurzes Foto und liefen sofort weiter, ohne dem Werk auch nur einen zweiten Blick zu widmen. Ich begann zu zählen. Nicht einmal fünf Sekunden verbrachten die meisten an einem Gemälde. Kurz ansehen, Handy zücken, ausrichten, abdrücken, weiterlaufen. Fünf Sekunden. Nur fünf Sekunden für einen Van Gogh. Ich war erschüttert.

Wo liegt der Sinn darin, viele Kilometer anzureisen um sich das Original eines Gemäldes anzusehen, wenn man dann nur ein kurzes Handyfoto macht und sofort weiterläuft?
Dabei haben Gemälde so vieler Künstler so vieles zu bieten. Cézanne, Monet, Renoir, ich habe sie mir gestern alle angesehen und war verzaubert. Allein durch die Art und Weise mit welcher Technik Künstler Farbe auf eine Leinwand auftragen, schaffen sie Leichtigkeit, Tiefe, Schwere oder echtes Leuchten. Van Gogh’s Gemälde sehen in echt so viel lebendiger aus, als wenn man sie digital betrachtet. Dadurch, dass er Farbe in verschiedenen Intensitäten und Dicken auftrug, schuf er Tiefe und Lebendigkeit. Die Farbe selbst ist kräftig und leuchtend. Monet’s Gemälde „Die Kathedrale von Rouen“ wirkte auf mich, als würde das gesamte Bild fließen. Paul Signac‘s „Le Château des Papes“ leuchtet in Wirklichkeit fast schon neonfarben und Georges Seurat’s „Port-en-Bessin“ besteht aus so vielen kleinen Punkten, dass man sich fragt, woher der Künstler solch eine Geduld nahm.
Nein, fünf Sekunden werden dem nicht gerecht.

Im Restaurant im fünften Stock, direkt hinter der berühmten, riesigen Uhr aß ich zu Mittag und grübelte über das, was ich bis dahin gesehen hatte. Fünf Sekunden. Es wollte mir nicht aus dem Kopf gehen und ich dachte bei mir, diese fünf Sekunden sind symbolisch für so viele Dinge heutzutage. Schnelligkeit und Oberflächlichkeit fressen sich durch viele Teile unserer Gesellschaft wie ein Krebs. Es wird nicht mehr erlebt, es wird gelebt, es wird nicht mehr zugehört, sondern kurz und knapp verarbeitet, es wird geteilt um des Teilens Willen, nichts das vom Herzen käme. „Knipps“, ich habe einen Van Gogh gesehen, weiter geht’s zum nächsten Tagespunkt.
Tief in Gedanken kaute ich auf einem Stück Aubergine und schaute durch das Glas der riesigen Uhr in den blauen Himmel dahinter. Eine kleine Wolke zog gemächlich vorbei. Ich atmete tief durch und genoss das Essen. Genau darum geht es.