1983 – Die Grenzgeneration, Teil 1

Es gibt zwei Fragen, die jeder meiner Generation – die Kinder der 90iger Jahre – beantworten können. „Was hast du Sylvester 1999 gemacht?“ und „Wo warst du am 11. September 2001?“ Die einschneidenden Erlebnisse dieser beiden Tage waren etwas, das man einfach nicht vergisst.

Über den Jahrtausendwechsel gibt es die lustigsten Anekdoten und Geschichten. Die wildesten Weltuntergangstheorien und Katastrophenängste waren damals im Umlauf. Vom Ende aller Zeit bis zur Rückkehr Jesu Christi war alles dabei. Das Jahr 2000 war dann auch noch das Jahr in dem ich meinen Realschulabschluss gemacht habe. Einer unserer Lehrer sagte, unsere Klasse wäre datumsmäßig sogar die erste in Bayern die das Jahr abschloss. Ob das stimmte, weiß ich nicht. Wir galten damals als Problemklasse, übelgelaunt und schwierig angeblich, dabei waren wir nur angefressen, dass wir unsere gesamte Realschulzeit lang jedes halbe Jahr neue Lehrer bekommen hatten. Bis zu unserem Abschlussjahr waren wir allerdings recht stolz auf unseren Chaotenruf und pflegten ihn genüsslich. Ich designte damals unser Abschluss-T-Shirt. Frech musste es natürlich sein, so wurde es ein Spermium, dass auf ein Ei traf in dem stand: „Wir waren die ersten!“

Das neue Jahrtausend war für meine Generation eine große Sache und mit ihm schlich sich auch eine neue Generation heran, die Jahre später als die „Millennials“ heiß diskutiert werden sollten. Vor Kurzem habe ich einen Artikel gelesen, der meinen Jahrgang – 1983 – auch zu den Millennials zählte, ich finde das aber so nicht ganz richtig.

Wir waren in jeder Hinsicht die Grenzgeneration.

Die 90iger Jahre waren eine heile, von Popkultur geprägte Welt, jedoch trugen wir auch immer die Ermahnungen und Erfahrungen der vorherigen Generation mit uns herum, und im Hintergrund bahnten sich auch starke Veränderungen an. In der Schule hörten wir ständig Sätze wie: „Das wird gerade alles umgestellt. Nächstes Jahr machen wir das anders. Ihr seid die Letzten, die das so machen, deshalb müsst ihr beides lernen.“
Neue Rechtschreibung, neue Schulsysteme, neue Klassenräume, neue Lehrer, fehlende Lehrer. Die Hälfte meiner Schulzeit verbrachte ich mit Baustellen, Vertretungspredigern und doppelter Heftführung. Auf einem stand „altes System“ auf dem anderen „neues System“. Es war furchtbar. In der neunten Klasse kam dann irgendwann die Ankündigung, dass es eine Sonderstunde geben würde, in der wir einen besonderen Test schreiben müssten. Um was es ging, sagte man uns nicht. Egal wie sehr wir quängelten, wir stießen auf Eis.

„Ist der Test denn Pflicht?“ fragte schließlich einer.

Nach langem Zögern hieß es: „Nein, nicht direkt. Ihr müsst aber anwesend sein.“

„Das heißt, wir können auch die ganze Stunde lang Karten spielen?“

„So würde ich das nicht ausdrücken, aber…“, ein Zwinkern.

Es kam wie es kommen musste. An dem Tag war ein drittel der Klasse krank, ein Drittel spielte Karten, ein Drittel blätterte gelangweilt den seltsamen Test durch. Nur zwei oder drei Leute hatten den Test ernsthaft versucht innerhalb der Zeit anständig auszufüllen und anschließend von „den seltsamen Fragen“ berichtet. Ich hatte den Test überflogen, eine wilde Mischung aus allerlei Themengebieten, und hatte ein paar Fragen beantwortet bis ich keine Lust mehr hatte und zum Zeichnen überging.
Ein Test, der kein Test war und aus dem Lehrer war nichts rauszubekommen. Wir grübelten noch tagelang darüber. Ein paar Monate später wussten wir schließlich was los war. Wir hatten den ersten Pisa-Test geschrieben und die Nachrichten zerfetzten ihn. Kein Wunder, dass der so mies abgeschnitten hatte. Es hatte wohl niemand – auch die Lehrer nicht – erwartet, dass das so eine ernste Sache war. Tja, nun wissen wir’s.

Nach meiner Schulzeit hoffte ich, die ewige Zweiteilung und Veränderung würde ein Ende haben, und ich freute mich auf ein stabiles Berufsleben. Leider wurde ich enttäuscht. Ich befolgte die Tipps meiner Geschwister, die allerdings deutlich älter waren als ich, um festzustellen, dass diese Tipps bald nicht mehr griffen. Das Motto „so läuft das einfach nicht mehr“, sollte sich weiterziehen und zu meinem Schrecken kein Ende mehr nehmen. Die Jahre nach 2000 waren nämlich auch just die Zeit in der die „Agenda 2010“ Schritt für Schritt auf den Weg gebracht wurde, und deren Folgen waren verheerend. Der Arbeitsmarkt veränderte sich so rasant, dass ich und viele andere Mühe hatten mitzukommen. Von Eltern, Geschwistern und Lehrern hatte ich immer gesagt bekommen, wenn ich eine gute Ausbildung machen würde, bekäme ich eine anständige Festanstellung und das wäre das Ende der Geschichte. Für meine Geschwister hatte das noch funktioniert, bei mir hatte es schon angefangen schwierig zu werden. Nur mit viel Mühe hatte ich es geschafft einen Ausbildungsplatz zu bekommen und sattelte sogar noch eine Berufsfachschule drauf. Als ich fertig war, erhoffte ich mir eine anständige Arbeit, doch ich wurde überrascht. In der Zwischenzeit war die Joblandschaft mit Zeitarbeitsfirmen gepflastert worden und die Anforderungen waren unrealistisch. Man wollte Menschen, die Anfang zwanzig waren, studiert hatten und Berufserfahrung hatten. Dass das rein rechnerisch schon Schwachsinn war, interessierte offenbar wenig.

Ich habe mich trotzdem durchgeboxt und habe meinen Platz gefunden. Nun, zwanzig Jahre nach meinem Realschulabschluss, bin ich mit meinen Kollegen kürzlich in ein neues Bürogebäude umgezogen, welches durch und durch an die neue Generation angepasst ist: Die Millennials.
Der erste Tag war eine Herausforderung. Bisher arbeitete ich in alten Büros mit klassischem 80iger Jahre Design. Wände wo möglich, abgegrenzte Abteilungen und Arbeitsplätze. Es ist für mich das erste Mal, dass ich in so einem Gebäude arbeite. Mit „so einem“ meine ich diesen unverwechselbaren, innenarchitektonischen Stil, der entwickelt wurde, um es der neuen Generation so gemütlich wie möglich zu machen und gleichzeitig „hipp“ zu sein. Modern, leicht, offen. Für mich fühlte sich die Umgebung erst einmal extrem seltsam an. Glas so weit das Auge reicht. Wände wirklich nur da, wo es nötig ist. Die Büroeinheiten sind mit Stahlgerüsten ausgebildet. Alles dazwischen, richtig: Glas. Die Küchenzeile in einfachem Holz befindet sich in einem riesigen Aufenthaltsraum an der Wand, dahinter eine Theke und hinter der Theke ein großer offener Raum, fast schon eine Halle, mit einer wilden Mischung aus Sofas und Sesseln in verschiedensten Farben. Die Wände sind im rohen Beton belassen und an der Decke schauen alle Rohre heraus, wie das in Künstlerlofts so angesagt ist. An der Seitenwand sind viele kleine Sitzecken, unterteilt von Wänden, wie in einem 50iger Jahre Diner und im Flur gibt es kleine, blickdickte 1-Personen-Zellen, die man mit einer einfachen Klapptüre schließen kann, um sich von dem sonst so aufdringlichen Gesellschaftsgefüge zurückzuziehen. Früher nannte man solche Dinger Telefonzelle.
Immer wieder findet man Dekoschriftzüge in modernem Font und Infoflyer, um sicherzustellen, dass sich alle zurechtfinden. Im Flur zwischen den Fahrstühlen hängt ein großer Fernseher, der dieselbe Funktion hat wie die Flyer.
Ich muss gestehen, meine erste Begegnung mit dieser neuen Bürowelt war für mich ein leichter Schock. Für mich erinnerte das alles an eine Mischung aus Künstlerloft und Flughafen. Sprachlos stand ich vor dem großen Gemeinschaftsraum, der nahtlos in den Flur mit den Telefonzellen übergeht und befürchtete mein vorweihnachtlich strapaziertes Gehirn würde den Dienst quittieren. Gefühlte 90% der Menschen dort sind unter 30, allesamt sehr entspannt, doch wer sich nicht kennt, sieht sich nicht an. Alles sehr lässig, aber auch unpersönlich. Zum ersten Mal in meinem Leben kam ich mir alt vor. Die ungewohnte Architektur machte das auch nicht besser. Allein auf den ersten Blick entdeckte ich ein Dutzend verschiedener Wohnstile vermischt in einem hallenartigen Konstrukt, das mit den altmodischen Geschäftsräumen in denen ich aufgewachsen war, so gar nichts mehr zu tun hatte.
Selbst die Toiletten überraschten mich ein bisschen. So offen es draußen zuging, so privat war es hier. Es gab keine Fenster und die Kabinen waren richtige kleine Räume, komplett verschließbar. Die Tatsache, dass 4 von 5 Lampen kaputt waren, machte aus der Kabinenreihe einen finsteren Hinterhof. Ich ging in die einzige Kabine in der das Licht funktionierte und hörte, wie jemand anderer in eine der anderen ging. Im Dunkeln? Wie macht ihr das? Kaum in meiner Kabine angekommen, grinste mich ein weiterer Flyer von der Rückseite der Toilettentür an.
„Veranstaltungen diese Woche: Eat your greens & Mittags-Meditation“
All diese Flyer sollten gemeinschaftliche Aktivitäten fördern und ein Gemeinschaftsgefühl kreieren, aber in die Augen sah man sich nicht. Die Menschen hier grüßten nicht einmal zurück wenn man „guten Morgen“ sagte. Was sollten Flyer da retten?
Die Tatsache, dass alle Flyer halb Deutsch, halb Englisch geschrieben waren, rief bei mir als Übersetzerin ein Augenrollen hervor, aber daran hatte ich mich schon lange gewöhnt. Denglisch war schon vor den Millennials in Mode gekommen.
Woran ich mich aber nur schwer gewöhnen konnte war, in der Toilette auf mittlerer Lautstärke mit Justin Bieber & Co. beschallt zu werden. Ich fühlte mich wie in einer Flughafentoilette.
Beim Händewaschen atmete ich tief durch und warf einen ernsten Blick in den Spiegel. Ironische Kommentare schön und lustig, ich war hier aber definitiv in einer neuen Welt angekommen. Wollte ich die wirklich so negativ angehen?
Wann bist du so konservativ geworden Mädchen?, fragte ich mich selbstkritisch. Jetzt mal ehrlich, ist doch ganz hübsch hier. Bevor du dreizehn Jahre in langweiligen 80iger-Jahre-Büros verbracht hast, hättest du dir sowas auch gewünscht.

Tja, die Millenials haben’s sich geholt, das muss man ihnen lassen. Sie haben sich eiskalt hingestellt, Forderungen geäußert und Konzernbosse dazu gebracht, ihre Strukturen für sie zu ändern. Das verdient Respekt. Bis jetzt hatte ich nicht viel Kontakt mit der nächsten Generation gehabt, doch es war an der Zeit das zu ändern – unvoreingenommen. Dazu in meinem nächsten Beitrag mehr.